Eine Startup-Bewertung berechnest du in frühen Phasen nicht mit einer einzigen Formel, sondern mit mehreren Methoden, deren Ergebnisse du vergleichst: Venture-Capital-Methode, Berkus-Methode, Scorecard-Methode, Multiples und, bei planbaren Umsätzen, die DCF-Methode. Aus der Pre-Money-Bewertung und dem Investment ergibt sich die Post-Money-Bewertung und damit der Anteil, den Investoren erhalten.
Eine Startup-Bewertung in der Frühphase ist immer eine Verhandlung auf Basis von Annahmen. Wer die Methoden kennt und die eigenen Zahlen nachvollziehbar herleitet, verhandelt aber auf Augenhöhe und versteht, was ein Angebot langfristig für die eigene Beteiligung bedeutet.
Alle Rechenbeispiele in diesem Beitrag sind fiktiv und dienen der Veranschaulichung.
Inhaltsverzeichnis
Pre-Money und Post-Money: die Grundlagen der Startup-Bewertung
Bevor du eine Methode anwendest, brauchst du zwei Begriffe. Die Pre-Money-Bewertung ist der Wert des Unternehmens vor der Finanzierungsrunde. Die Post-Money-Bewertung ist der Wert unmittelbar danach, also Pre-Money plus neues Kapital.
| Größe | Formel | Beispiel |
|---|---|---|
| Post-Money | Pre-Money + Investment | 4 Mio. + 1 Mio. = 5 Mio. Euro |
| Anteil Investor | Investment / Post-Money | 1 Mio. / 5 Mio. = 20 % |
| Preis je Anteil | Pre-Money / Anteile vor der Runde | 4 Mio. / 100.000 = 40 Euro |
Ein häufiger Fehler in Gesprächen: Die Gründer meinen eine Pre-Money-Bewertung, der Investor spricht von Post-Money. Bei 1 Mio. Euro Investment und „5 Mio. Bewertung“ liegt der Unterschied zwischen 16,7 und 20 Prozent Anteil. Kläre deshalb immer, welche Zahl gemeint ist.
Ebenso wichtig ist die Basis, auf die sich der Preis je Anteil bezieht. Investoren rechnen meist auf vollverwässerter Basis, also einschließlich eines Mitarbeiterbeteiligungsprogramms und bereits zugesagter Wandlungsrechte. Wird ein neuer Mitarbeiterpool vor der Runde geschaffen, trägt seine Verwässerung allein der Altbestand. Das senkt die effektive Startup-Bewertung aus Gründersicht, obwohl die Zahl auf dem Papier gleich bleibt.
Die Venture-Capital-Methode
Die Venture-Capital-Methode denkt vom Exit her. Sie fragt: Was könnte das Startup bei einem Verkauf in einigen Jahren wert sein, und welche Rendite erwartet der Investor? Daraus wird die heutige Startup-Bewertung zurückgerechnet.
- Erwarteten Umsatz im Exit-Jahr schätzen.
- Exit-Wert über ein branchenübliches Multiple ableiten.
- Durch die Zielrendite des Investors als Multiple teilen.
- Erwartete Verwässerung durch spätere Runden berücksichtigen.
- Investment abziehen, um die Pre-Money-Bewertung zu erhalten.
Rechenbeispiel
Angenommen, ein B2B-Software-Startup plant in sechs Jahren 10 Mio. Euro Umsatz. Bei einem Umsatz-Multiple von 6 ergibt sich ein Exit-Wert von 60 Mio. Euro. Der Investor erwartet das Zehnfache seines Einsatzes. Ohne weitere Runden läge die Post-Money-Bewertung heute bei 6 Mio. Euro.
Rechnet der Investor damit, dass sein Anteil durch spätere Runden um die Hälfte verwässert wird, halbiert sich der Wert auf 3 Mio. Euro Post-Money. Bei 600.000 Euro Investment bleibt eine Pre-Money-Bewertung von 2,4 Mio. Euro. Das Beispiel zeigt, wie stark kleine Änderungen an Multiple, Zielrendite oder Verwässerung das Ergebnis bewegen.
Warum erwarten Investoren so hohe Vielfache? Weil viele Beteiligungen in der Frühphase scheitern und wenige erfolgreiche Exits die Verluste ausgleichen müssen. Die Zielrendite ist deshalb kein Ausdruck von Gier, sondern eine Folge des Portfolioansatzes. Für dich bedeutet das: Je glaubwürdiger du Risiken reduzierst, desto niedriger kann die geforderte Rendite ausfallen.

Berkus-Methode und Scorecard-Methode
Für Startups ohne nennenswerten Umsatz gibt es qualitative Verfahren. Sie bewerten Team, Produkt und Markt statt Finanzkennzahlen und eignen sich vor allem für Pre-Seed- und Seed-Runden mit Business Angels.
Berkus-Methode
Die von Dave Berkus entwickelte Methode vergibt für fünf Erfolgsfaktoren jeweils einen Wertbeitrag bis zu einer Obergrenze. In der ursprünglichen Fassung lag diese bei 500.000 US-Dollar je Faktor. In der Praxis passen Investoren die Obergrenzen an Markt und Region an.
| Faktor | Risiko, das reduziert wird | Beispielwert |
|---|---|---|
| Solide Geschäftsidee | Grundrisiko | 350.000 Euro |
| Prototyp | Technologierisiko | 300.000 Euro |
| Qualität des Teams | Umsetzungsrisiko | 450.000 Euro |
| Strategische Partnerschaften | Marktrisiko | 150.000 Euro |
| Erste Kunden oder Verkäufe | Produktionsrisiko | 200.000 Euro |
| Summe Pre-Money | 1,45 Mio. Euro |
Scorecard-Methode
Die Scorecard-Methode, bekannt geworden durch Bill Payne, startet mit der durchschnittlichen Pre-Money-Bewertung vergleichbarer Startups in deiner Region und Phase. Diese wird mit gewichteten Faktoren nach oben oder unten korrigiert. Häufig genannte Gewichte sind Team 30 Prozent, Marktgröße 25 Prozent, Produkt und Technologie 15 Prozent, Wettbewerb 10 Prozent, Vertrieb und Partnerschaften 10 Prozent, Finanzierungsbedarf 5 Prozent und Sonstiges 5 Prozent.
Beispiel: Liegt der regionale Durchschnitt bei 3 Mio. Euro und bewertest du dein Team mit 125 Prozent des Durchschnitts, trägt allein dieser Faktor 0,30 mal 1,25, also 0,375, zur Summe bei. Ergibt die gewichtete Summe aller Faktoren 1,1, liegt deine Startup-Bewertung nach dieser Methode bei 3,3 Mio. Euro. Die Herausforderung liegt in verlässlichen Vergleichswerten.
Multiples und DCF-Methode
Sobald ein Startup wiederkehrende Umsätze erzielt, rücken Vergleichsverfahren in den Vordergrund. Bei Software-Startups ist ein Multiple auf den jährlich wiederkehrenden Umsatz (ARR) verbreitet. Die Höhe des Multiples hängt stark von Wachstum, Bruttomarge, Kundenbindung und Marktlage ab und schwankt deutlich zwischen Branchen und Jahren.
Rechenbeispiel Multiple
Angenommen, ein SaaS-Startup erzielt 800.000 Euro ARR und wächst stark. Vergleichbare Transaktionen deuten auf ein Multiple von 5 bis 8 hin. Daraus ergibt sich eine Spanne der Startup-Bewertung von 4 bis 6,4 Mio. Euro. Welcher Wert am Ende steht, hängt von Kennzahlen wie Churn und Kundenlebenswert ab. Achte darauf, ob sich Vergleichswerte auf Umsatz oder ARR beziehen und aus welchem Jahr sie stammen, denn Multiples schwanken mit der Marktlage teils erheblich.
DCF-Methode
Die Discounted-Cashflow-Methode diskontiert erwartete künftige Zahlungsüberschüsse auf den heutigen Zeitpunkt. Sie ist das Standardverfahren für etablierte Unternehmen. Für junge Startups ist sie nur eingeschränkt geeignet, weil die Prognosen sehr unsicher sind und hohe Abzinsungssätze das Ergebnis dominieren. Als Plausibilitätscheck für spätere Runden kann sie trotzdem sinnvoll sein.
Kennzahlen, die die Bewertung treiben
Unabhängig von der Methode schauen Investoren auf dieselben Werttreiber. Je besser du sie belegen kannst, desto stärker ist deine Verhandlungsposition.
- Wachstum: Umsatz- oder Nutzerwachstum Monat für Monat.
- Bruttomarge: wie viel vom Umsatz nach direkten Kosten bleibt.
- Kundenbindung: Churn-Rate und Netto-Umsatzbindung bei Bestandskunden.
- Unit Economics: Verhältnis von Kundenwert zu Akquisitionskosten.
- Burn Rate und Runway: wie lange das vorhandene Geld reicht.
Wer diese Werte sauber aus Buchhaltung und CRM ableitet, liefert für jede Startup-Bewertung eine belastbare Grundlage statt Bauchgefühl.
Welche Methode passt zu welcher Phase?
Keine Methode ist für jede Phase richtig. Investoren kombinieren meist zwei oder drei Ansätze und bilden daraus eine Spanne. Die folgende Übersicht hilft dir bei der Auswahl. Nutze sie als Orientierung, nicht als starre Regel, denn die Übergänge zwischen den Phasen sind fließend.
| Phase | Typische Methoden | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Pre-Seed | Berkus, Scorecard | Team, Idee, Prototyp |
| Seed | Scorecard, VC-Methode | Erste Kunden, Marktgröße, Traktion |
| Series A | VC-Methode, Multiples | Wiederkehrende Umsätze, Wachstum, Unit Economics |
| Wachstumsphase | Multiples, DCF | Profitabilitätspfad, Marktanteil |
Ob dein Produkt bereits trägt, ist für jede Methode zentral. Wie du das belastbar nachweist, erklärt unser Beitrag Product-Market-Fit messen.
Verwässerung über mehrere Runden
Jede Finanzierungsrunde schafft neue Anteile. Dein prozentualer Anteil sinkt, auch wenn der Wert deiner Anteile steigt. Diese Verwässerung solltest du vor der ersten Runde durchrechnen, damit du weißt, wie viel nach Seed und Series A übrig bleibt.
Beispiel mit zwei Runden
| Runde | Pre-Money | Investment | Gründer | Seed-Investor | Series-A-Investor |
|---|---|---|---|---|---|
| Gründung | 100 % | ||||
| Seed | 4 Mio. Euro | 1 Mio. Euro | 80 % | 20 % | |
| Series A | 12 Mio. Euro | 3 Mio. Euro | 64 % | 16 % | 20 % |
Der Anteil der Gründer sinkt von 100 auf 64 Prozent, der Wert ihrer Anteile steigt aber rechnerisch von 4 Mio. Euro nach Seed-Pre-Money auf 9,6 Mio. Euro nach der Series A. In der Praxis kommt meist noch ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm hinzu, das weitere Prozentpunkte kostet. Plane es von Anfang an in der Cap Table ein.
Bei einer GmbH erfolgt die Ausgabe neuer Anteile in der Regel über eine Kapitalerhöhung nach § 55 GmbHG, die notariell beurkundet wird. Welche Rechtsform für eine spätere Finanzierung besser passt, vergleicht unser Beitrag UG oder GmbH gründen.
Startup-Bewertung verhandeln: Schritt für Schritt
Die Zahl auf dem Term Sheet ist nur ein Teil des Deals. Liquidationspräferenzen, Verwässerungsschutz oder Zustimmungsrechte können den wirtschaftlichen Wert einer hohen Bewertung deutlich schmälern. Gehe deshalb strukturiert vor.
- Finanzbedarf für 18 bis 24 Monate aus dem Businessplan ableiten.
- Startup-Bewertung mit mindestens zwei Methoden berechnen und eine Spanne bilden.
- Vergleichswerte aus deinem Netzwerk, von Acceleratoren oder Investorenverbänden einholen.
- Verwässerung bis zur nächsten Runde inklusive Mitarbeiterbeteiligung durchrechnen.
- Term Sheet vollständig prüfen, nicht nur die Bewertung.
- Anwalt mit Erfahrung in Venture-Capital-Verträgen hinzuziehen.
Eine überhöhte Startup-Bewertung kann später zum Problem werden: Erreichst du die Ziele bis zur nächsten Runde nicht, droht eine Down-Round mit schlechteren Konditionen. Eine realistische Bewertung, die du mit Kennzahlen belegen kannst, ist oft die bessere Wahl. Wie du Kennzahlen und Finanzbedarf überzeugend präsentierst, zeigt unser Beitrag zum Pitch-Deck für Investoren.
Wandeldarlehen statt fester Bewertung
In sehr frühen Runden umgehen viele Gründer und Business Angels die Diskussion um eine feste Zahl mit einem Wandeldarlehen. Der Investor gibt ein Darlehen, das bei der nächsten Finanzierungsrunde in Anteile umgewandelt wird. Üblich sind dabei ein Abschlag auf den Preis der nächsten Runde und ein Bewertungsdeckel, der den Umwandlungspreis nach oben begrenzt.
Der Vorteil: Die Startup-Bewertung wird erst festgelegt, wenn mehr Daten vorliegen. Der Nachteil: Der Bewertungsdeckel wirkt faktisch wie eine Bewertung, und mehrere Wandeldarlehen können die Gründer bei der Umwandlung stärker verwässern als erwartet. Rechne deshalb auch hier die Cap Table vorab durch.
Wenn du deine erste Runde mit Business Angels planst, findest du Ansprechpartner und Netzwerke etwa über den Bundesverband Business Angels Netzwerk Deutschland und in unserem Beitrag Business Angel finden.
Typische Fehler bei der Startup-Bewertung
Viele Gründer verlieren in Verhandlungen nicht wegen einer schlechten Idee, sondern wegen vermeidbarer Fehler in der Herleitung. Diese fünf Punkte begegnen Investoren besonders häufig.
- Nur eine Methode: Eine einzige Rechnung wirkt willkürlich. Zwei oder drei Methoden mit einer Spanne überzeugen mehr.
- Hockeyschläger-Planung: Flache Umsätze in den ersten Jahren und dann plötzlich steiles Wachstum ohne Begründung.
- Falsche Vergleichswerte: Multiples börsennotierter Konzerne oder Bewertungen aus anderen Märkten auf ein Frühphasen-Startup übertragen.
- Cap Table vergessen: Mitarbeiterbeteiligung, Wandeldarlehen und frühere Zusagen nicht eingerechnet.
- Nur auf die Zahl schauen: Vertragsklauseln ignoriert, die den wirtschaftlichen Wert verändern.
Ein unabhängiger Blick von außen hilft, diese Fehler früh zu erkennen. Mentoren aus Acceleratoren, erfahrene Gründer oder Steuerberater mit Startup-Erfahrung können deine Startup-Bewertung vor dem ersten Investorengespräch auf Plausibilität prüfen.
Das Wichtigste in Kürze
- Post-Money ist Pre-Money plus Investment, der Investorenanteil ist Investment geteilt durch Post-Money.
- Für frühe Phasen eignen sich Berkus- und Scorecard-Methode, ab Seed die VC-Methode.
- Mit wiederkehrenden Umsätzen werden Multiples wichtig, DCF eher in späten Phasen.
- Rechne die Verwässerung über mehrere Runden inklusive Mitarbeiterbeteiligung durch.
- Verhandle das gesamte Term Sheet, nicht nur die Zahl der Startup-Bewertung.
Rechne deine Startup-Bewertung noch diese Woche mit zwei Methoden durch und leg die Cap Table für die nächsten zwei Runden an. So gehst du mit einer begründeten Spanne in das nächste Investorengespräch. Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Rechts-, Steuer- oder Finanzberatung.
Häufige Fragen zur Startup-Bewertung
Wie berechnet man eine Startup-Bewertung?
In frühen Phasen kombiniert man mehrere Methoden. Ohne Umsatz sind Berkus- und Scorecard-Methode üblich, ab Seed die Venture-Capital-Methode, die vom erwarteten Exit-Wert zurückrechnet. Mit wiederkehrenden Umsätzen kommen Multiples hinzu. Aus den Ergebnissen bildest du eine Spanne. Die endgültige Zahl ist Verhandlungssache und hängt auch von Marktlage, Wettbewerb um den Deal und Vertragsbedingungen ab.
Was ist der Unterschied zwischen Pre-Money und Post-Money?
Die Pre-Money-Bewertung ist der Unternehmenswert vor einer Finanzierungsrunde, die Post-Money-Bewertung der Wert direkt danach. Post-Money ergibt sich aus Pre-Money plus Investment. Der Anteil des Investors ist das Investment geteilt durch die Post-Money-Bewertung. Bei 4 Mio. Euro Pre-Money und 1 Mio. Euro Investment erhält der Investor also 20 Prozent der Anteile.
Welche Methode der Startup-Bewertung eignet sich ohne Umsatz?
Ohne Umsatz eignen sich qualitative Verfahren wie die Berkus-Methode und die Scorecard-Methode. Die Berkus-Methode vergibt Wertbeiträge für Idee, Prototyp, Team, Partnerschaften und erste Kunden. Die Scorecard-Methode passt die Durchschnittsbewertung vergleichbarer Startups mit gewichteten Faktoren an. Beide liefern eher eine begründete Spanne als einen exakten Wert und sollten mit Vergleichsdaten abgeglichen werden.
Wie stark verwässern Finanzierungsrunden die Gründeranteile?
Das hängt von Bewertung und Investitionssumme jeder Runde ab. Gibst du in der Seed-Runde 20 Prozent und in der Series A weitere 20 Prozent ab, sinkt dein Anteil von 100 auf 64 Prozent. Hinzu kommt meist ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm. Entscheidend ist, dass der Wert deiner Anteile trotz sinkender Prozentzahl steigt, wenn die Bewertung schneller wächst als die Verwässerung.
Ist eine hohe Startup-Bewertung immer gut?
Nicht unbedingt. Eine sehr hohe Bewertung setzt hohe Erwartungen für die nächste Runde. Erreichst du die Ziele nicht, droht eine Down-Round mit schlechteren Konditionen und starker Verwässerung. Außerdem können Klauseln wie Liquidationspräferenzen den Vorteil einer hohen Zahl aufheben. Eine realistische, gut begründete Bewertung mit fairen Vertragsbedingungen ist oft die nachhaltigere Wahl.
